Die Ästhetik des Körpers im Spiegelbild der Zeit

Bodybuilding ist nicht gleich zu einhundert Prozent Fitnesskult, vielmehr handelt es sich um eine spezielle Form der physischen Ästhetik, die sich dem Aufbau und der Definition von Muskelmasse widmet. Diese Kraftsportler interessieren sich weniger für Gesundheit, für das Wohlfühlen nach harter Arbeit im Gym, sondern adressieren gezielt an den Kult des Körpers im engeren Sinne. Oft wird das missverstanden und all die Fitnessfanatiker der Gegenwart zelebrieren eben nicht allein den Body, sondern nutzen diesen nur, um bessere Chancen beim Sex, bei der Partnersuche und vielen anderen Aspekten zu haben. Ein Bodybuilder schaut in erster Linie auf das eigene Spiegelbild, es handelt sich also immer auch um einen gewissen Narzissmus, der mitunter auch krankhafte Züge annehmen kann.

Vom Körperkult der Gegenwart

Wir brauchen hier nicht die Massen in den Studios analysieren, von denen einige Leute auch mal Testosteron probieren oder auch Steroide, um den Erfolg schneller sichtbar werden zu lassen. Vielmehr hat sich auch das Bodybuilding ganz postmodern zu einem Lifestyle entwickelt, der viel Zeit in Anspruch nimmt und ganz nebenbei quasi eine physische Narration der eigenen Leiden und Anstrengungen an der Hantelbank darstellt. Eine beeindruckende Wirkung, eine Expression ist gewünscht und das Ziel dieses Körperkultes, weshalb man heute auch von Bodystyling redet.

Das ist bei näherem Betrachten erstaunlich und zeigt absurderweise recht deutlich das Verschwinden des männlichen Geschlechts: Jahrhunderte lang kümmerten sich vor allem Frauen um die eigene Schönheit, doch mit dem Wegfall der Kriege und sozialen Kämpfe in den westlichen Gesellschaften sucht sich der Mann Wege, um den eigenen Körper zu zeigen, zu präsentieren, was früher nur im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld nötig war. Die Frage, ob sich Bodybuilding als ein modernes Dandytum zu werten ist, bleibt unbeantwortet, aber die Sorge um die eigene Erscheinung ist zweifellos bemerkenswert.

Tattoos: Neben dem Stemmen der Hanteln nutzen viele Bodybuilder und – styler zusätzliche Aspekte zur Präsentation. Hier bieten sich Tattoos an, diese memorierten Ideen auf Haut, es gibt Kosmetik, Piercing, Operationen und Selbstbräuner, so dass heute theoretisch jeder Mensch bei entsprechendem Wohlstand den Körper bekommt, den man sich wünschen mag. Kategorie wie Schönheit sind dabei fließend, es geht schließlich weder um eine Wespentaille als Zeichen von Zucht noch um weiße Haut als Ausweis der Prinzessin, die den ganzen lieben langen Tag im Turm auf den Prinzen wartet und unschuldig bleibt.

Muskelmasse als künstlerische Kategorie?

Zunehmend interessieren sich auch Künstler für das Bodybuilding, wobei die wenigsten Maler, Fotografen und Komponisten zu Steroiden greifen. Vielmehr wird der Mann und wird die Frau in ihren wohldefinierten Extremen abgelichtet, es gibt Installationen und Filme wie Dokumentationen über die Szene. Und natürlich ist der David des Michelangelo und sind die Skulpturen der Antike und Renaissance immer eine Ansage an den wohlgeformten Leib! Aber Bodybuilding ist zugegeben ein echtes Extrem und wohl deshalb eine Herausforderung für den Künstler, der bekanntlich ein Geschehen bannt und darstellt. Aber welches Geschehen spielt sich ab zwischen Studio und Anabolika Injektion? Ist der Körper als Fleischberg ästhetische Kategorie wie etwa bei Rubens, nur eben muskulös definiert? Vom Posing bis zu spezieller Kleidung ist alles vorhanden und man darf gespannt schauen, wie sich die Kunst an diesem Phänomen abarbeitet.